Es war ein heißer Sommertag, dreiunddreißig Grad, mitten in einem kleinen Schwarzwalddorf. Die Luft flimmerte über den Gassen, meine Kinder spielten am Wasser der Kinzig, und irgendwo zwischen Schatten und Sonne entstand das Gefühl, dass dieser Tag nicht wie jeder andere sein würde.
Trotz der Hitze wusste ich: Ich brauchte ein Buch. Ein Buch über Hildegard von Bingen, geschrieben von Frauen, nicht von Mönchen oder Männern.
Stundenlang hatte ich gesucht, in Buchhandlungen der letzten Städtereisen, auf Onlineplattformen, in Antiquariaten. Immer wieder stieß ich auf ihre Heilkräuterbücher – großartig, aber nicht das, was ich suchte. Ich wollte Biografisches. Ich wollte die Stimme von Frauen über eine Frau hören, nicht die Sicht der Männergeschichte.
Während wir am Fluss saßen, die Kinder planschten, kühle Limo in der Hand, fühlte ich plötzlich dieses alte, unruhige Kribbeln: Hummeln im Hintern. Der Schattenplatz und die Ruhe reichten nicht mehr. Mein Leib wusste längst, was mein Verstand noch nicht verstand: Es war Zeit, aufzustehen und zu handeln.
„Ich geh mal zur Touristeninfo spazieren“, hörte ich mich sagen. Ein vorgeschobenes Ziel, nur um den Leib zu beschäftigen. Doch als wir die steilen Gassen hinaufstiegen, brannte die Sonne auf den Rücken, schwitzte der Kopf, kämpfte der Verstand. Alles schien mühsam. Doch der Leib wusste es besser.
Die Touristeninfo war geschlossen. Der Blick fiel auf ein altes Bücherregal am Haus des Museums. Ein kleiner Funke Hoffnung – und dann: ein Antiquariat, schattig, kühl, geheimnisvoll. Ich trat ein, mein Herz klopfte. Zwischen verstaubten Bänden, Gedichtsammlungen aus den Vierzigern, entdeckte ich, wonach ich gesucht hatte: ein Buch über Hildegard von Bingen, geschrieben von einer Frau, nur in diesem Laden, nirgendwo online zu finden.
„Wenn dir zwei Versionen einer Biografie über eine Frau gezeigt werden, wähle die Variante vom Weib. Weib schreibt über Weib immer noch am besten“, flüsterte mein Herz.
Noch am selben Abend las ich 201 Seiten. Ich folgte den Brotkrumen, die Hildegard für mich hinterlassen hatte, fühlte ihre Präsenz, spürte, wie sie stolz über meine Schulter lächelte.
Mein Leib hatte Recht gehabt. Mein Verstand durfte nachholen. Dem Bauchgefühl zu vertrauen, dem inneren Weg zu folgen, hat mich nicht enttäuscht.
Ein Buch, das nirgendwo sonst erhältlich war. Ein Tag, der mich lehrte, dass Frauenweisheit nicht nur in Worten liegt, sondern in der Aufmerksamkeit, dem Mut, dem eigenen Weg zu folgen – auch in den kleinsten, unerwarteten Momenten.
Dem Leib folgen. Den eigenen Impulsen trauen. Den eigenen Pfad finden.
Dankbar, beschenkt – und inspiriert von einer Frau, deren Geschichte bis heute leise nachklingt.
Frauenweisheit – eine fortlaufende Textreihe
Diese Texte sind persönliche, künstlerische Annäherungen an überliefertes Frauenwissen, historische Figuren und kollektive Erfahrungen. Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern laden zum Innehalten und Weiterdenken ein.
