Die Bärenmutter und Hildegard von Bingen

Über Klugheit, Schutz und die Kunst, das Gegebene zu nutzen


Sie war das zehnte Kind.
Und sie hatte eine Mutter, die mehr sah als andere.

Man nannte sie später eine Bärenmutter.
Nicht, weil sie laut oder wild war, sondern weil sie wachsam war.
Weil sie verstand, was auf dem Spiel stand.

Hildegard sah früh mehr als das Offensichtliche.
Sie sah nicht nur die trächtige Kuh auf der Wiese,
sondern das Kalb, das schon hüpfte.
Nicht nur den gegenwärtigen Moment,
sondern das, was sich darin ankündigte.

Solche Kinder waren im Mittelalter gefährlich.
Und ihre Mütter wussten das.

Die Bärenmutter erkannte:
Dieses mein letztes Kind ist anders.
Und andere würden genau das vernichten wollen.


Schutz bedeutet manchmal Anpassung

Hildegard hätte auf dem Scheiterhaufen enden können.
Viele vor und nach ihr taten es.

Stattdessen schickte ihre Mutter sie ins Kloster.

Keine romantische Entscheidung.
Keine spirituelle Berufung im modernen Sinn.
Sondern eine kluge, nüchterne Wahl zwischen zwei Realitäten.

Kloster oder Scheiterhaufen.

Die Mutter entschied sich für den schmalen Weg dazwischen.
Nicht für Freiheit , aber für Überleben.
Nicht für Selbstverwirklichung, aber für Zukunft.


Das Gefängnis als Schlüssel

Das Kloster war kein Ort der Freiheit.
Es war ein Regelwerk, ein Korsett, eine Begrenzung.

Und genau darin lag der Schutz.

Hildegard nutzte das, was ihr zur Verfügung stand.
Sie spielte die Spielregeln mit – nach außen.
Und öffnete nach innen Räume, die größer waren als vieles, was außerhalb möglich gewesen wäre.

Sie schrieb.
Sie beobachtete.
Sie dachte in Bildern, in Pflanzen, in Körpern, in Kosmen.

Sie wurde Benediktinerin –
nicht aus blindem Gehorsam,
sondern aus klarem Instinkt.

Frauenweisheit ist oft leise

„Das Mädchen“, so wird erzählt,
fragte ihre Pflegerin einmal,
ob andere nicht auch Dinge sähen,
die normalerweise nicht wahrnehmbar seien.

Frauenwissen war damals gefährlich.
Also wurde es verpackt.
In christliche Sprache.
In Demut.
In Gehorsam, der nur an der Oberfläche existierte.

Hildegard schrieb SciviasWisse die Wege.
Und ein ihr gewidmetes Labyrinth liegt bis heute in Eibingen.

Nicht als Denkmal.
Sondern als Erinnerung daran,
dass Wege selten gerade sind.

Bild: Zeichnung von Hildegard von Bingen. „Kosmisches Ei“ auch bekannt als „das Weltall“. Pinterestfund

 

Use your prison as your key

Die Geschichte von Hildegard ist keine Heldinnensaga.
Sie ist eine Geschichte von Klugheit.

Von kleinen Entscheidungen,
die nicht Freiheit waren
aber zur Freiheit führten.

Von Müttern, die wussten,
wann Widerstand tödlich ist
und wann Anpassung schützt.

Frauenweisheit ist nicht immer laut.
Manchmal ist sie strategisch.
Manchmal nutzt sie das Gegebene,
um darin Spielräume zu finden.

Vielleicht liegt genau darin eine Frage,
die zeitlos ist:

Wo nutzt du das, was da ist,
auch wenn es nicht ideal ist?

Wo ist dein vermeintliches Gefängnis
vielleicht ein Schlüssel?

Nicht alles muss gesprengt werden.
Manches darf klug umgangen werden.

Das ist keine Kapitulation.
Das ist Überlebenskunst.


Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf historische Vollständigkeit oder wissenschaftliche Genauigkeit. Viele Aspekte von Hildegards frühem Leben sind nicht eindeutig belegt.

Die Geschichte ist als persönliche, künstlerische Interpretation zu verstehen – als Einladung zum Nachdenken, nicht als historische Darstellung.