Nutze die Werkzeuge, die du hast

Über Hildegard von Bingen, Machtverhältnisse und kluge Umwege

Schau dir Hildegard an. Sie saß in ihrem Kloster, beobachtete, lernte und wartete. Alles, was ihr zur Verfügung stand, nutzte sie klug. Sie spielte die Regeln mit, Jahre, vielleicht Jahrzehnte lang, Schritt für Schritt.


Use the tools you have.


Denn Hildegard wusste: Freiheit entsteht oft nicht durch offenes Aufbegehren, sondern durch Geduld, Strategie und die kluge Nutzung dessen, was da ist. Sie lernte die Mechanismen des Klosters, die Sprache der Männer, die Wege der Macht. Sie studierte die Regeln und entdeckte die Lücken, in denen Visionen wachsen konnten.

Schließlich kam der Moment, in dem sie ihrem Abt sagte: „Wir Ladys ziehen aus. Bauen unser eigenes Kloster. Ein Kloster fürs Weib.“ Abt Kuno traute seinen Ohren kaum. Niemals! Für ihn gab es keinen vernünftigen Grund.

Doch Hildegard hatte nicht nur Worte, sondern auch Timing und Geduld auf ihrer Seite. Sie nutzte, was ihr im Kloster zur Verfügung stand, und sagte ruhig: „Es ist Gottes Wille.“


USE YOUR PRISON AS YOUR KEY.

Diese Worte wirkten wie ein Schlüssel. Sie öffneten Türen, die sonst verschlossen geblieben wären. Mit dieser Wendung gewann sie die Unterstützung einflussreicher Männer, ohne ihr eigentliches Ziel preiszugeben. Sie machte sich einen Namen beim Papst, schrieb Briefe an Bernhard, den mächtigen Kreuzzugsprediger. Anfangs zögerlich, wurde Bernhard bald zu einem ihrer größten Unterstützer.

Erst dann äußerte sie ihr eigentliches Ziel: ihr eigenes Kloster, für sich und ihre Schwestern.

Sie hätte auch sagen können, dass sie ungestört zaubern, mit weisen Schleiern tanzen, Heilkräuter sammeln und die weibliche Intuition erforschen wolle.

Sie hätte das Universum aus weiblicher Perspektive erkunden und ihre Erkenntnisse festhalten können. Aber sie wählte die Worte, die akzeptiert wurden. „Es ist Gottes Wille“ – clever, strategisch, wirksam.

Lasst mich mein eigenes Kloster bauen. Lasst mich Raum schaffen für die Frauen, für unsere Visionen, für unsere Kraft.

Hildegard zeigte, dass Geduld, Cleverness und Weitsicht oft mächtiger sind als offener Widerstand. Sie nutzte ihre Position, um Freiheit zu schaffen, Schritt für Schritt, Jahr um Jahr. Sie nutzte ihre Werkzeuge, ihre Stimme, ihre Worte. Alles, was ihr zur Verfügung stand, um das zu erreichen, was ihr Herz verlangte.

Doch Hildegard war nicht nur strategisch. Sie war visionär, kreativ und manchmal unverschämt mutig. Während sie ihre Pläne ausarbeitete, führte sie unzählige kleine Rituale, Beobachtungen und Studien durch. Sie beobachtete die Pflanzen in den Klostergärten, die Wirkung der Kräuter, das Verhalten der Menschen. Sie schrieb, zeichnete, experimentierte – immer darauf bedacht, Wissen zu bewahren und es für die Frauen nutzbar zu machen, die ihr folgen würden.

Es geht nicht darum, Mauern zu zerbrechen, sondern zu verstehen, sie zu nutzen, und die Räume, die sich öffnen, mit Leben zu füllen.

Mit 42 Jahren begann ihre große Phase. Sie erinnerte Frauen daran: Es ist nie zu spät, den eigenen Weg zu gehen. Sie zeigte, wie Visionen mit Strategie, Intuition und Mut verwirklicht werden können. Sie machte deutlich, dass die Mittel, die du hast, oft genau die sind, die du brauchst, um dein Ziel zu erreichen.

Darf sie das? werden manche fragen.
Clever! werden andere denken.

Nutze, was dir zur Verfügung steht. Für dein Weibsein, für deine Visionen. Nicht gegen die Welt, sondern um sie zu gestalten.

Hildegards Geschichte erinnert uns daran, dass Geduld, Intelligenz und die Nutzung kleiner, scheinbar unscheinbarer Werkzeuge oft die größten Erfolge ermöglichen. Sie zeigt, dass Mut nicht immer laut ist, dass Visionen manchmal in stillen Schritten geboren werden und dass Frauen ihre eigene Macht finden können, auch wenn das Umfeld sie unterschätzt.



Frauenweisheit – eine fortlaufende Textreihe
Diese Texte sind persönliche, künstlerische Annäherungen an überliefertes Frauenwissen, historische Figuren und kollektive Erfahrungen. Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern laden zum Innehalten und Weiterdenken ein.