Ein Besuch in Hildegards Kloster

Es war einmal ein Kloster. Ruinen, die Geschichte atmen. Ein Ort voller Symbolkraft.

Wir steigen den Berg hinauf, tanzen über den Weg, während in der Ferne die Kirchenglocken läuten. Das Summen der Insekten begleitet uns, Buchen spenden Schatten. Mein Sohn schaut zu mir und sagt: „Waldgeist“, als ich mich kurz auf dem Labyrinthweg niederlasse.

Überall wächst Löwenzahn. Wir passieren Holunder, einen trockenkranken Baum. Zwei Rosen blühen am Wegesrand. Die Natur erzählt ihre Geschichten, leise und beständig, auch wenn wir sie kaum beachten.

Reflexion: Manchmal passiert Heilung und Inspiration leise, zwischen Löwenzahn und Holunder. Beobachten reicht oft schon.

Doch die Lebendigkeit der Kinder reißt mich immer wieder zurück. Vollmondstimmung. Tränen. Geschwisterkämpfe im Sekundentakt. Wir lachen, wir seufzen, wir atmen tief durch.

Mit Naturmagie holt Hildegard uns immer wieder zu sich zurück. Wir sehen Eidechsen, hören den Grünspecht. In der Kirche der Kanoniker, mit dem Anbau für die erste Frauenklause nach 1108, flüstert ein älteres Paar. Meine Kinder klettern auf der tausendjährigen Kirchmauer.

Hildegard scheint zufrieden. Sie liebt Lebendigkeit, das Unkonventionelle, die Gesundheit, die aus den rennenden Kinderbeinchen leuchtet.

Als ich frage, was ich von ihr lernen darf, sagt sie: Nichts. Genieße. Beobachte.


Achtsamkeitsimpuls: Halte inne, auch wenn das Leben laut ist. Beobachte. Sei präsent.


Mein Sohn stolpert und weint. Soll ich trösten? Ich höre zu. Ich fühle Mitgefühl. Der andere Sohn bittet um Lavendelöl fürs Knie. Ich reiche es ihm. Heilung, so einfach, so menschlich.

Hildegard selbst ist klar und wortkarg. Sie sendet uns Krafttiere, kleine Zeichen der Natur. In der Backstube aus dem 13. Jahrhundert entdecken wir einen kleinen Hirschkäfer, ein Symbol für die Kostbarkeit des Lebens.

Wir singen. Ich beginne das Spirallied in der Kapelle. Im Hintergrund läuft später noch Lena von Pur. Wir stehen zwischen Geschichte und Jetzt, spüren die Fülle, die sich fast über unser Herz ergießt.

Wir tanzen. Wir singen. Hildegard ist mitten unter uns. Sie liebte Musik, und ich glaube, sie mochte beide Lieder gleich gern.

Reflexion: Lebe die Freude, die in kleinen Momenten wohnt. Sie ist oft unmittelbarer als wir denken.

Beim Parkplatz, zum Abschied, kreist ein Rotmilan über uns. Ein stiller Dank für unsere Lebendigkeit. Freude pur. Pure Freude.

PS: All die besonderen Tierzeichen hat mein Mann entdeckt.

Achtsamkeitsimpuls: Nimm die Zeichen der Natur wahr. Sie sind Botschaften, keine Zufälle.


Zum Weiterlesen und Planen deiner Reise zu den Klosterruinen von Hildegard von Bingen :

Klosterruine Disibodenberg | Bingen am Rhein

Disibodenberger Scivias Stiftung – Home

 

Frauenweisheit – eine fortlaufende Textreihe
Diese Texte sind persönliche, künstlerische Annäherungen an überliefertes Frauenwissen, historische Figuren und kollektive Erfahrungen. Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern laden zum Innehalten und Weiterdenken ein.