Es gibt Künste, die uns etwas schenken, noch bevor wir sie „beherrschen“.
Handaufbau im Ton gehört für mich genau dazu. Er ist kein schneller Weg zum Ergebnis, kein effizienter Produktionsprozess. Er ist eine Praxis, eine, die uns zurückführt in die Hände, in den Körper, in einen anderen Rhythmus.
„The hands are the brain’s ambassadors.“
— Frank R. Wilson
Beim Arbeiten mit Ton wird diese Wahrheit unmittelbar spürbar.
Ein kurzer Blick zurück: Woher kommt der Handaufbau?
Bevor sich Ton drehte, lag er still.
Die ältesten bekannten Keramikfunde, etwa aus Ostasien, sind über 20.000 Jahre alt und entstanden lange vor der Erfindung der Töpferscheibe. Gefäße wurden gedrückt, aufgebaut, geformt. Direkt aus der Beziehung zwischen Mensch und Erde.
Der Handaufbau war keine Technik unter vielen. Er war die Technik.
Alltagsgefäße, rituelle Objekte, Aufbewahrungsformen — sie alle entstanden aus langsamen, wiederholten Bewegungen.
„Pottery is not a thing. It is a process.“
— Bernard Leach
In diesem Prozess ging es nie um Perfektion, sondern um Angemessenheit: zur Nutzung, zur Gemeinschaft, zur Zeit.
Was bedeutet Handaufbau im Ton?
Handaufbau meint das Formen von Ton ohne rotierende Bewegung, allein mit den Händen und einfachen Werkzeugen.
Der Ton folgt dabei nicht der Zentrifugalkraft, sondern der Aufmerksamkeit.
Diese Form des Arbeitens lässt Raum für Pausen, für Nachspüren, für Korrektur — und genau darin liegt ihre entschleunigende Qualität.
Die wichtigsten Techniken im Handaufbau
1. Plattenaufbau
Ausgewalzter Ton wird geschnitten, gefaltet, zusammengesetzt.
Der Plattenaufbau wirkt klar, architektonisch, ruhig. Er lädt dazu ein, bewusst mit Linien, Flächen und Übergängen zu arbeiten.
„Form is not imposed on clay; it emerges from dialogue.“
— Magdalene Odundo
2. Rollen- oder Wulsttechnik
Tonrollen werden schichtweise aufgebaut und miteinander verbunden.
Diese Technik ist rhythmisch, fast meditativ. Die Wiederholung der Bewegung beruhigt das Nervensystem : Hände und Atem finden zusammen.
3. Daumentechnik (Pinch Pot)
Eine der ursprünglichsten Formen überhaupt.
Gerade in ihrer Einfachheit ist diese Technik tief. Sie lehrt, wie wenig es braucht, um etwas Tragfähiges entstehen zu lassen.
„To make a pot is to shape emptiness.“
— nach Laozi
4. Drücken, Quetschen, Modellieren
Hier steht der unmittelbare Kontakt im Vordergrund.
Der Ton antwortet direkt, jede Veränderung ist spürbar. Diese Nähe fördert ein feines Gespür für Materialgrenzen und Timing.
5. Kombinierte Techniken
Viele Arbeiten entstehen aus einer Mischung: Daumen, Rolle, Platte.
Der Handaufbau erlaubt Freiheit und gleichzeitig Tiefe. Mit wachsender Erfahrung wird jede Technik präziser, ruhiger, klarer.
Warum ich Handaufbau der Drehscheibe vorziehe
Die Drehscheibe ist dynamisch, kraftvoll, schnell.
Der Handaufbau dagegen lädt ein, langsamer zu werden — nicht aus Mangel an Können, sondern aus bewusster Entscheidung.
Beim Handaufbau:
• folgt die Form dem Atem
• entsteht Zeit für Wahrnehmung
• wird der Prozess wichtiger als das Ergebnis
„Slowness is not the opposite of progress, but its condition.“
— Richard Sennett (The Craftsman)
Die Lernkurve im Handaufbau ist sanft und genau deshalb so dankbar. Jede Stunde vertieft das Verständnis. Jede Arbeit schult Geduld, Materialgefühl und innere Ruhe.
Handaufbau als Haltung
Handaufbau im Ton ist mehr als Keramiktechnik.
Er ist eine Haltung dem Leben gegenüber.
Unregelmäßigkeiten werden nicht kaschiert, sondern integriert.
Spuren der Hände bleiben sichtbar — als Erinnerung an den Moment des Entstehens.
Eine Praxis der Entschleunigung
Handaufbau im Ton ist:
– langsam
– sinnlich
– still
– zutiefst menschlich
Er fordert nichts außer Präsenz. Und genau darin liegt seine Kraft.
Bevor ich mich an die Drehscheibe setze, wähle ich den Handaufbau.
Weil er mich lehrt, zuzuhören.
Dem Ton.
Und mir selbst.
Ein Wochenende lang in den Handaufbau abtauchen? Hier findest du mehr Infos dazu.
Quellen & Inspiration
Leach, Bernard: A Potter’s Book
Sennett, Richard: The Craftsman
Yanagi, Soetsu: The Unknown Craftsman
Wilson, Frank R.: The Hand – How Its Use Shapes the Brain, Language, and Human Culture
Archäologische Keramikfunde: Ostasien (Jōmon-Kultur), Europa & Naher Osten
Laozi: Dao De Jing (sinngemäße Übersetzung)
